„Arbeit sollte dort passieren, wo sie am besten erledigt wird“ – Andreas Jaritz

Interview mit Andreas Jaritz, Co-Founder Emma Wanderer

Andreas Jaritz war schon digitaler Nomade als die meisten noch nicht wussten, was das eigentlich ist. Nun hat er mit Emma Wanderer ein Unternehmen mitgegründet, dass die Zukunft der Arbeit für uns alle gesünder und flexibler machen – und gleichzeitig neue Chancen für ländliche Regionen kreieren will. Weil wir immer neugierig sind auf Zukunftsgestalter haben wir ihn zum Interview gebeten.

proactive: Wie sieht die Arbeitswelt der Zukunft deiner Meinung nach aus?

Andreas Jaritz: Ich glaube die Arbeitswelt der Zukunft basiert auf drei Säulen: Trust, Accountability und Flexibility. Oder auf Deutsch: Vertrauen, Verantwortlichkeit und Flexibilität. Und mit Flexibilität meine ich nicht, dass man am Freitag im Homeoffice bleiben darf. Das ist nur ein Ausschnitt einer echten Flexibilität. Und ich persönlich bin auch kein großer Fan des Homeoffice. Aus dem Blickwinkel von Emma Wanderer ist die Zukunft noch viel flexibler. Und die braucht auch echtes Vertrauen von beiden Seiten.

Was das Thema Accountability angeht stehen wir gerade vor der Herausforderung, dass wir zwar mehr Selbstverantwortung, Selbstorganisation möchten – aber das nicht gelernt haben. In der Schule, der FH, auf der Uni wird uns das bisher nicht beigebracht. Und dann fordern viele zwar selbstbestimmtes Arbeiten ein – aber haben gleichzeitig Angst vor dieser Verantwortung. Ich glaube, damit die Zukunft der Arbeit gut funktioniert, sind diese drei Stellschrauben besonders wichtig.

„Wir wollen europaweit das Thema Arbeiten und Reisen auf ein neues Level bringen.“

– Andreas Jaritz, Emma Wanderer

Welche Rolle spielt Emma Wanderer in dieser Zukunft?

Andreas Jaritz: Wir wollen die Zukunft mitgestalten. Kurzfristig betrachtet schaffen wir einen Ort, wo Menschen hinkommen können, um zu arbeiten. Es gibt eine gute Internetverbindung, tolle Möbel, ein ansprechend und sinnvoll gestaltetes Umfeld und wunderschöne Natur. Das ist das eine, die Oberfläche.

Tiefer darunter wollen wir europaweit das Thema Arbeiten und Reisen auf ein neues Level bringen. Und: für eine gesunde Produktivität stehen. So dass Menschen von überall aus arbeiten und dabei in einer gesunden Balance bleiben können. Aus unserer Sicht sollte es egal sein, ob jemand in Innsbruck sitzt und dann halt bei guten Schneeverhältnissen nach der Arbeit noch auf den Berg fährt – oder, ob man fünf Wochen im Jahr am Strand arbeitet. Da gilt es noch ein paar Klischees abzubauen.

Wie bist du persönlich dazu gekommen, das zu tun, was du jetzt machst?

Ich bin bereits mein gesamtes Berufsleben lang digitaler Nomade und habe einen Großteil davon in Coworking-Spaces in Europa und den USA verbracht – selbständig, aber auch unselbständig. Ich habe dabei oft über mehrere Zeitzonen hinweg gearbeitet. Dann haben wir bereits 2010 einen der ersten Coworking-Spaces in Graz gegründet. Daraus wurde eine kleine, aber eindrucksvolle Erfolgsgeschichte, weil eine starke, kreative Community entstanden ist. 2015 habe ich dann mit einem Partner gemeinsam erste Company Retreats in Portugal organisiert – quasi als Vorläufer von Workations. Es ist interessant, dass damals viele Unternehmen gesagt haben: „Naja, ich kann ja nicht meine Mitarbeiter*innen einfach woanders arbeiten lassen. Vielleicht sogar noch vom Strand.“ Ein paar Jahre und eine Pandemie später stehen wir an einem völlig anderen Ort. Jetzt sind die meisten von der Idee begeistert. So braucht eben jede Idee ihre Zeit.

Ich habe meinen letzten Job während des ersten Lockdowns begonnen – und meine Arbeitskolleginnen monatelang nicht persönlich getroffen. War 6-7 Stunden täglich in Videocalls. Das hat mich auch sehr geprägt und mich motiviert, Emma Wanderer umzusetzen.

Der besondere Charakter entsteht durch das Zusammenspiel von hochtechnologisierter, digitaler Arbeit – und dem unmittelbaren Ausgleich in der Natur.

Andreas Jaritz, Emma Wanderer

Wie sollen diese Orte sein, die ihr mit Emma Wanderer schafft?

Für die Unternehmen wollen wir sichere Arbeitsumgebung schaffen, die auch einen Erlebnischarakter hat. So dass Firmen ihre Mitarbeiterinnen mit gutem Gewissen dort arbeiten lassen können. Dabei sind wir weder eine Partylocation noch ein All-inklusive-Resort. Die Menschen sollen einem normalen Arbeitsalltag nachgehen können, sich eine gewisse Eigenständigkeit bewahren. Gleichzeitig können sie auch jederzeit in die Natur gehen. Vielleicht für einen Videocall, vielleicht für ein Walk & Talk Meeting. Aber auch zwischendurch, um einen Ausgleich zu schaffen. Denn auch die Gesundheit der Mitarbeiterinnen spielt eine wichtige Rolle für Unternehmen.

Den Gästen möchten wir das Angebot machen, vielleicht ein wenig zu reduzieren und gut für sich zu sorgen. Nicht indem wir sie rund um die Uhr mit „Events“ bespielen oder bespaßen, sondern indem wir den Wert der Umgebung würdigen und Durchatmen, Rausgehen erleichtern. Der besondere Charakter entsteht durch das Zusammenspiel von hochtechnologisierter, digitaler Arbeit – und dem unmittelbaren Ausgleich in der Natur. Natürlich bieten die Nationalparks auch tolle Freizeitmöglichkeiten, wie Klettern, Mountainbiken und so weiter. Aber wir möchten vermeiden, dass die Menschen in FOMO – Fear of missing out – verfallen.

Arbeiten inmitten der Natur – das wird mit Emma Wanderer möglich.

Der dritte große Stakeholder sind die Gemeinden und Regionen mit denen wir arbeiten. Was wir schaffen wollen ist, dass wir die Stammgäste der Zukunft erzeugen. Dass die Menschen sagen: Da kann ich gut arbeiten und fühle mich wohl – ich komme wieder. Vielleicht nächste Woche, vielleicht in drei Monaten. Und dann plane ich gleich Zeit ein, um mit dem lokalen Imker Honig zu machen oder die lokale Brauerei zu besuchen.

Wie werden die Formate konkret aussehen? Wie arbeitet ihr mit Unternehmen zusammen?

Wir setzen bei dem an, was Unternehmen schon kennen und immer öfter suchen: Der klassische Seminarort in schöner Umgebung, die Off-Site – die sind ja schon seit Jahren im Kommen. Durch die Pandemie hat sich das verstärkt, dass Unternehmen ihre Teams gerne 2-3x pro Jahr irgendwo physisch zusammenkommen lassen möchten. Das ist ein Ansatzpunkt für uns. Wir machen dann das Angebot, dass z.B. ein Team zwei Tage Meetings macht – Donnerstag und Freitag – und die Mitarbeiter*innen dann übers Wochenende dableiben oder eine Workation anhängen können. Denn dann kann man den Ressourcenaufwand optimieren.

Darüber hinaus sehen wir ein reges Interesse an einer Art Abo-Modell. Unternehmen, die gerne dauerhaft Kapazitäten bei uns haben möchten, so dass den Menschen nicht nur ein Büro und Homeoffice, sondern auch ein dritter Ort in der Natur zur Verfügung steht. Natürlich gilt es dann auszuloten, wo die Grenze zum Privaten verläuft. Das klären wir gerade hinsichtlich Steuern und Versicherung mit unseren Partnern. Ziel ist ein Model, ds gut leistbar ist und auch längere Aufenthalte möglich macht. So dass auch Long-Term-Stays finanzierbar sind.

Für Einzelpersonen wird es eine Art Membership geben. Und die soll sich schon auszahlen, wenn man zwei, drei Wochen pro Jahr vor Ort ist. Je länger man bleibt, umso günstiger wird es.

Was ist euch bei der Architektur und Gestaltung wichtig? Ihr habt ja auch Architekten an Board…

Das Herzstück jedes Campus wird der Coworking-Space sein. Wir nennen es „Cluboffice“ – ein Begriff, den Vitra geprägt hat. In Anlehnung an den „Country Club“ – der ja auch immer Business- und Freizeit-Elemente gehabt hat. Wir wollen einen Mix aus Coworking-Space, Lounge, Café – aber in einem ländlichen Umfeld.

Sehr wichtig ist uns dabei Nachhaltigkeit. Wir möchten nur Dinge in unsere Räumlichkeiten hineinstellen, die hochwertig, kuratiert und sinnvoll gestaltet sind. Wir wählen Stücke aus, die eine bestimmte Atmosphäre schaffen – aber auch praktisch sind. Dementsprechend bauen wir unsere Partnership auf. Für die Büroausstattung setzen wir etwa stark auf höhenverstellbare Lösungen und arbeiten mit Yaasa, einem jungen österreichischen Brand, zusammen. Der gesundheitliche Aspekt spielt auch hier mit hinein.

Das soll sich auch im Wohn- und Schlafbereich durchziehen – etwa in Form von hochwertigen Matratzen. Die Arbeitslocation kann noch so cool sein, aber wenn man dann nachts nicht schlafen kann, dann wird es am Ende keine gute Experience sein. Trotzdem wollen wir im leistbaren Bereich bleiben und nicht überteuertes Glamping anbieten. Es ist ein feiner Grat, den wir da beschreiten wollen.

Wie geht ihr an das Thema Community Building heran?

Ein wichtiges Thema – aber auch eine echte Challenge. Meiner Erfahrung nach gelingt das in den wenigsten Coworking-Spaces, dass dann wirklich alle miteinander in Austausch gehen und super Kooperationen entstehen. Alle möchten Community – aber niemand möchte dafür bezahlen. Wir haben dafür jetzt eine erste Mitarbeiterin, die einen spannenden Background in diesem Bereich hat, mit der wir ein erstes Konzept erarbeiten. Künftig soll es dann an jedem Ort einen Community Manager geben.

Wir sehen, dass wir da auch noch educaten, viel erklären müssen. Wir möchten keinen völlig durchgeplanten Tag, wo von 18:00 bis 18:30 Feuermachen auf dem Plan steht. Wir wollen Menschen nicht bespaßen, sondern motivieren. Also zum Beispiel, Feuerholz zu sammeln und abends ein Feuer zu machen. Das ist dann die Kunde: Niemand zu drängen, irgendwas zu tun, damit wir tolle Fotos für Instagram haben. Sondern eine echte Community aufzubauen – für die man wiederkommt.

Der erste Emma Wanderer Campus wird im Nationalpark Gesäuse errichtet. (Foto: Unsplash/Nathan Dumlao)

Wo steht ihr denn gerade mit dem ersten Campus?

Der Campus Austrian Alps wird im Nationalpark Gesäuse errichtet. Nachdem wir gerade die Baugenehmigung erhalten haben, können wir nun mit den Erdarbeiten beginnen. Es ist gerade schwierig etwas sicher zu sagen, weil durch die Pandemie, die Ukraine-Kirse die Preise jede Woche anders sind. Aber wir arbeiten hart, damit wir dieses Jahr noch aufsperren können. Ob das dann ein erster Testlauf wird oder wir schon Buchungen annehmen können – das wird sich noch zeigen.

Parallel dazu arbeiten wir intensiv im Hintergrund an fünf weiteren Standorten in Kärnten, Tirol, Kroatien und Portugal. Wir sind da irgendwo zwischen der Identifizierung von Grundstücken, Vertragsverhandlungen usw. Irgendwann möchten wir dahin kommen, dass Grundstückbesitzer oder Menschen, die etwas entwickeln wollen uns quasi im Betreibermodell dazu holen. Vor dem Hintergrund, dass viele andere Wege gehen wollen und verstehen, dass es nicht immer nur um die maximale Anzahl von Betten geht.

Arbeit sollte dort passieren, wo sie am besten erledigt wird.“

– Andreas Jaritz, Emma Wanderer

Viele Unternehmen versuchen ja gerade händeringend ihre Mitarbeiter*innen wieder ins Office zu holen. Wie sinnvoll findest du das?

Ich glaube wir werden künftig einen bunten Mix sehen: Für ein Drittel der Menschen – aber auch Unternehmen – ist es gut und stimmig, wenn wieder alle im Office sind. Ein weiteres Drittel wird eine gewisse Flexibilität leben – also einen oder zwei Tage im Homeoffice arbeiten. Und dann wird es ein Drittel geben, dass völlig die Ketten sprengt und völlig flexible Modelle lebt. Alle werden mit Challenges zu tun haben. Da gibt es kein Schwarz oder Weiß.

Unsere Perspektive ist: Arbeit sollte dort passieren, wo sie am besten erledigt wird. Damit ist eigentlich alles gesagt. Ich muss als Mitarbeiter eigentlich wissen: In welchem Modus bin ich, welche Verantwortlichkeit will und muss ich übernehmen, wann muss ich im Office oder bei meinen Kolleginnen sein und wann geht es um Deep Work, die ich besser zuhause oder auf Workation erledigen kann. Das müssen wir lernen.

Stellen wir uns vor es ist 2045. Wo steht Emma Wanderer? Wie sieht das Arbeiten und Leben dort aus?

2045 ist Emma Wanderer ein komplett etabliertes Work & Hospitality Konzept und steht für eine bestimmte Work & Life-Culture, die viele Menschen anspricht. Ich glaube, dass wir bis dahin weit mehr tun als Campusse in ländlicher Umgebung zu betreiben. Wir werden auch in den urbanen Bereich hineinstrahlen. So dass wir irgendwann auch dort Wohnmöglichkeiten, Co-Living anbieten. Dann können wir ein Problem lösen, das viele Menschen haben: Ich möchte eigentlich ein paar Wochen im Jahr von woanders aus arbeiten – aber ich habe ja noch meine Wohnung… Ich denke wir werden da neue Formen des Zusammenwohnens sehen, die heute noch nicht so verbreitet sind. Wohnhäuser werden dann vielleicht ein eigenes Office für Bewohner*innen haben. Emma Wanderer wird diese Zukunft auf jeden Fall mitgestalten.

Danke für das Interview!

Mehr Infos über Emma Wanderer finden Sie hier.


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