Technikerinnen gesucht: Wie Sprache die Berufswahl von jungen Menschen beeinflusst

Wir brauchen dringend mehr Frauen im MINT-Bereich, wenn wir den Fachkräftemangel bewältigen wollen. Aber warum gibt es hier zu wenig Nachwuchs? Die Studienlage zeigt: Das Problem beginnt bereits in den Schulen.

Im MINT-Bereich (Mathematik | Informatik | Naturwissenschaften | Technik) ist der Arbeitskräftemangel in Österreich aktuell besonders hoch. Auffallend niedrig ist der Anteil von Frauen in diesen Berufsfeldern. Es fehlt an Forscherinnen, Entwicklerinnen, Technikerinnen und Mathematikerinnen, die an innovativen Lösungen für die Zukunft arbeiten. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern beginnt bereits im Studium – weniger als 25% der Studierenden im MINT-Fokusbereich (Informatik & Ingenieurwesen) sind Frauen.

Ein Erklärungsfaktor für die Geschlechterunterschiede an der Hochschule ist die unterschiedliche schulische Vorbildung von Frauen und Männern im MINT-Fokusbereich. Große Geschlechterunterschiede bleiben aber auch dann bestehen, wenn Frauen und Männer über die gleiche schulische Vorbildung verfügen:

  • 53% der Maturantinnen einer AHS ohne MINT-Schwerpunkt (= ohne Schwerpunkt auf Mathematik | Naturwissenschaften | Informatik) bewerten ihre Computerkenntnisse als (sehr) schlecht.
  • Im Vergleich: Nur 23% der Maturanten einer AHS ohne MINT-Schwerpunkte schätzen ihre Computerkenntnisse genauso schlecht ein.
  • 16% der Maturantinnen einer HTL bewerten ihre Vorkenntnisse in Mathematik als schlecht.
  • Auch hier zeigt sich ein Unterschied zu den Maturanten einer HTL, von denen nur 11% ihre Vorkenntnisse ebenso schlecht einschätzen.

Mädchen bei der Schul- & Studienwahl besser unterstützen

Die Problematik beginnt bereits bei der Schulwahl: Auch wenn Mädchen über gleich gute Mathematikkenntnisse verfügen wie Buben, entscheiden sie sich dennoch seltener für eine HTL als ihre männlichen Kollegen. Durch diese geschlechtsspezifische Schulwahl erhalten Mädchen in Österreich weniger Mathematikunterricht als Buben. Und zwar durchschnittlich rund 30 Minuten pro Woche – das ist der am stärksten ausgeprägte Unterschied unter allen OECD-Ländern.

Frauen im MINT-Fokusbereich fühlen sich unmittelbar vor ihrem Studienbeginn deutlich seltener gut informiert über studien- sowie arbeitsmarktbezogene Aspekte ihres gewählten Studiums als Männer und zögern deutlich häufiger bei ihrer Studienwahl.

Veränderungen im Bildungssystem sind dringend nötig, brauchen aber auch Zeit, um Wirkung zu zeigen. Ein Experiment von Psychologinnen und Psychologen an der Freien Universität Berlin aus dem Jahr 2015 zeigt einen simplen, aber wirkungsvollen Weg auf, wie jeder und jede von uns einen Beitrag zur Veränderung leisten kann.

Geschlechtergerechte Sprache wirkt ermutigend

In den MINT-Berufe spielen Stereotype eine große Rolle: Sie gelten als typisch männlich, werden als sehr wichtig eingeschätzt – und gleichzeitig als sehr schwierig in der Ausübung, weshalb es vielen Kindern und Jugendlichen (weiblich wie männlich) an Selbstvertrauen fehlt, diese Berufe zu ergreifen.

Birgit Hannover und Dries Vervecken haben in zwei Experimenten 591 Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren aus deutschen und belgischen Schulklassen Berufsbezeichnungen vorgelesen: entweder geschlechtergerecht (also in männlicher und weiblicher Form, z.B. “Ingenieurinnen und Ingenieure“) oder nur einzeln in der männlichen Pluralform (z.B. nur “Ingenieure“). Insgesamt waren es 16 Berufen: Acht typisch männliche (Frauenanteil kleiner als 30%, z.B. Automechaniker), fünf typisch weibliche Berufe (Frauenanteil größer als 70%, z.B. Kosmetikerin) und drei neutrale Berufe (Männer- und Frauenanteil ähnlich hoch).

Die Kinder wurden anschließend gebeten, in einem Fragebogen einzuschätzen, wieviel man in dem jeweiligen Beruf verdient, wie wichtig er ist, wie schwer zu erlernen und auszuführen er ist und ob sie sich selbst zutrauen würden,  diesen Beruf zu ergreifen.

Die Ergebnisse sind spannend:

  • Kinder (Mädchen wie Buben), denen geschlechtergerechte (in männlicher und weiblicher Form) Berufsbezeichnungen vorgelesen wurden, trauten sich eher zu, einen typisch männlichen Job zu ergreifen als Kinder, denen nur die männliche Pluralform genannt wurde.
  • Typisch männliche Berufe wurden als leichter erlernbar und weniger schwierig eingeschätzt, wenn die Bezeichnung gender-fair gewählt wurde.
  • Geschlechtergerechte Sprache verstärkt die Zuversicht von – weiblichen wie männlichen – Kindern, in traditionell männlichen Berufen erfolgreich sein zu können. Sie stärkt das Zutrauen in sich selbst, wenn es darum geht, einen dieser Berufe zu ergreifen.

Sprache schafft Wirklichkeit

Geschlechtergerechte Sprache beeinflusst also maßgeblich die kindliche Wahrnehmung von Berufen. Die gute Nachricht: Wir können durch eine sehr simple Anpassung unseres Sprachgebrauchs dazu beitragen, dass Selbstvertrauen von jungen Menschen zu steigern, einen MINT-Beruf zu ergreifen. Ganz einfach in dem wir die männliche und die weibliche Form verwenden, wenn wir über diese Berufe sprechen oder schreiben. Das funktioniert übrigens auch für alle Nicht-MINT-Berufe, auch für die typisch weiblichen.

Die weniger gute Nachricht: Die Studie hat auch gezeigt, dass durch die Verwendung einer geschlechtergerechten Bezeichnung für die Berufe auch deren Bewertung negativ beeinflusst wurde – die Wichtigkeit und die Höhe des Gehalts wurden weniger gut eingeschätzt.


Autorin: Katharina Ehrenmüller


Quellen:

  • Zusatzbericht der Studierenden-Sozialerhebung 2019 / Geschlechtersituation am Beispiel von MINT-Fokus- & Pädagogikstudien | Verfasserinnen: Anna Dibiasi, Nina Schubert und Sarah Zaussinger | Institut für Höhere Studien Wien
  • The ABC of Gender Equality in Education: Aptitude, Behaviour, Confidence | OECD 2015 | Paris
  • Studienverläufe. Der Weg durchs Studium – Zusatzbericht der Studierenden-Sozialerhebung 2019 | IHS-Forschungsbericht, Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF) | Verfasserinnen: Schubert N., Binder D., Dibiasi A., Engleder J. | 2020 | Wien
  • Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) | Pressemitteilung | Verfasserin: Dr. Anne Klostermann | 2015
  • Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children’s perceptions of job status, job difficulty, and vocational self-efficacy | Social Psychology | Verfasser:innen: Dr. Dries Vervecken & Prof. Dr. Bettina Hannover | 2015

(Foto: Unsplash/Annie Spratt)